Anarchie in Nordberlin
Unsere Theaterprojekte entstehen aus einer kollektiven, prozessorientierten Arbeitsweise und entwickeln die Inszenierung aus szenischen Fragmenten unterschiedlicher Art — von Tanz und Performance über dramatische und postdramatische Szenen bis zu musikalischen Auftritten —, die wir in der ersten Hälfte unserer Produktionen erspielen. In den darauf folgenden Monaten bis zur Premiere wird dieses erarbeitete Material im Probenprozess verdichtet und weiter bearbeiten. Ergebnis sind in kollektiver Autor*innenschaft verfasste, meist etwa zweistündige Produktionen mit narrativem Grundgerüst, performativen Elementen, Live-Musik, eigenem Bühnenbild und eigener Kostümgestaltung. Aus unserem Selbstverständnis als Kollektiv ergibt sich, dass wir ohne Regisseur*in arbeiten. Alle ästhetischen und organisatorischen Fragen entscheiden wir gemeinsam und demokratisch. Derzeit besteht unser Kollektiv aus 9 Performer*innen, einem Dramaturgen, zwei Musikern, zwei Bühnenbildner*in und einer Kostümbildnerin.
Wir arbeiten je ein Jahr an einem Stück, wobei sich der Produktionsprozess in zwei Phasen teilt: (1) In den ersten sechs Monaten experimentieren wir – noch weitgehend ohne das Ziel eines Theaterstücks im Hintergrund – mit unterschiedlichen Spiel-, Schreib- und Ausdrucksformen und entwickeln so Texte, Szenen, Choreografien und Musik. Dabei wird die Probenleitung jeden Monat von einem anderen Mitglied des Kollektivs übernommen, wodurch eine breite Vielfalt unterschiedlicher ästhetischer Techniken von Tanz bis Sprechtheater zum Einsatz kommen. Die in dieser Phase entwickelten Szenen bilden das Material für die zweite Arbeitsphase: (2) Dort führen wir das bisher Erarbeitete zusammen, entwickeln neue Szenen und finden so einen roten Faden für unser Stück. Insbesondere an den zweimonatig stattfindenden Probenwochenenden erschließen wir so einen konzeptionellen, narrativen und thematischen Rahmen für das Stück. Bereitschaft zur Transformation und fortwährende gemeinsame Verständigung über das, was wir künstlerisch wollen, ist dabei das Fundament unserer Arbeitsweise. Dieses Vorgehen, das für einen festgelegten Zeitraum dezidiert nicht zielorientiert ist, ermöglicht es uns, Themen zu entdecken, die die Kollektivmitglieder – vielleicht auch unbewusst – beschäftigen; also solche Inhalte zu finden, die ein voluntaristisch-planerisches Vorgehen tendenziell verdrängen würde.
Unsere Ästhetik ist an der Schnittstelle von experimentellem und dramatisch-narrativem Theater situiert. Die bisherigen, je einmonatigen Probenblöcke standen unter den Mottos wie Poesie, Surrealismus, Postdramatik, Gemälde-Geschichten, Episches Theater, depressive Chöre, Kadenzen und Dialoge. Inspirationsquellen der letzten Produktionen waren lyrische, dramatische und prosaische Werke u. a. von Ingeborg Bachmann, René Pollesch, Elfriede Jelinek, Berthold Brecht, Sarah Kane, Reiner W. Fassbinder, Rosa Luxemburg, Georg Büchner und Heinz Erhardt – wobei die am Ende vorgetragenen Texte in kollektiver Autor*innenschaft vom Kollektiv verfasst werden. Generell verhandeln wir auf der Bühne das, was uns – die Mitglieder unseres Kollektivs – bewegt und emotional umtreibt. Wir verknüpfen, auch das hat sich bereits als best practice etabliert, unsere Szenen sowohl assoziativ-montagenhaft als auch mit linearen Handlungselementen, was eine Ästhetik impliziert, die zwischen Chaos und Ordnung oszilliert und unterschiedliche performative Ausdrucksformen verwebt. Unserer Überzeugung folgend, dass politisches Theater auch formell mutig sein muss, erproben wir stets neue Formate – wobei wiederkehrende Elemente unserer Ästhetik eine surreale Grundstimmung, die Arbeit mit (Live-) Kameraaufnahmen, mit Chören und mit einem Changieren zwischen individuell-figurativer und kollektiver Bühnenpräsenz sind. Durchweg spiegelt sich unsere demokratisch-kollektive Arbeitsweise so auch in den ästhetischen Endprodukten, unseren anarchischen Theaterabenden.
Bisherige Bühnenbildner*innen: Anna Bronec, Martin Gonschorek, Moritz Burgtorf, Joyce Schubert
Bisherige Kostümbildnerinnen: Daria Belkina, Natasha Kordts, Lilith Huggle
Bisherige Musiker*innen: Anna Krasnoselskaya, Antonio Colli, Leon Martin
Bisherige Regie/Dramaturgie: Emil Egenbauer, Jan van Dick